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Seit 2008 spielen Jungs aus der Wohngruppe Bahia für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in Nürnberg im Theater Jugend Club. Neu dabei seit Beginn der laufenden Spielzeit ist Amjadali Momand aus Pakistan. Er erarbeitet mit der Jugendclub-Gruppe unter der Leitung von Sue Rose eine eigene Fassung von Eugène Ionescos „Die Nashörner“. Das Interview führten Katharina Largé, die ihren Bundesfreiwilligendienst am Stadttheater Fürth leistet und ebenfalls im Theater Jugend Club spielt, und der Theaterpädagoge Johannes Beissel.

Amjadali 2

Amjadali, wie bist Du auf den Jugendclub gestoßen?
Ich mag Theater, und deswegen hab ich, als mir mein Betreuer vom Theater Jugend Club erzählt hat, gesagt: „Ich will auch gehen.“  Vorher hab ich noch nie Theater gespielt.

Seit wann lebst Du in Deutschland?
Seit ungefähr 11 Monaten bin ich in Deutschland. Ich komme aus dem Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan. Mein Weg nach Deutschland dauerte 9 Monate, ich war viel zu Fuß unterwegs, aber  auch in Autos und LKWs.

Wie hast Du in Deiner Heimat Deine Freizeit verbracht?
Dort gab es nicht viele Möglichkeiten, aber ich habe gerne Kricket gespielt. Und ich bin fünf Jahre zur Schule gegangen.

Wie gefällt Dir die Arbeit im Jugendclub? Warum machst Du mit?
Wir spielen lustige Sachen: über Menschen, über Tiere und vor allem auch über Liebe, das gefällt mir besonders gut. Alles gefällt mir.

Wie ist es für Dich, mit jungen Leuten, die zum größeren Teil in Deutschland geboren sind, zusammen zu spielen?
Das ist für mich schön, denn alle Menschen sind gleich. Und ich lerne von ihnen. Für unsere Arbeit spielt es keine Rolle, dass ich aus einem anderen Land komme, aber ich fände es schön, wenn etwas aus meiner Heimat in unserem Stück vorkommt, z. B. ein Lied. Selbst auf der Bühne zu singen, das kann ich mir im Moment noch nicht vorstellen.

Aber du kannst richtig gut tanzen! Vielleicht könnt ihr das in Euer Stück miteinbauen.
Wie ist es für Dich in einer fremden Sprache auf der Bühne zu sprechen?
Ich finde das gut, und ich habe das Gefühl, dass ich dadurch die Sprache schneller lerne, auch wenn ich nicht alles immer gleich verstehe.

Wie stellst du dir deine Zukunft vor?
Ich will Arzt werden, und jetzt habe ich noch einen Beruf gefunden: Automechaniker. Nächstes Jahr werde ich mit dem Quali fertig, dann suche ich eine „kleine Arbeit“ (Anm. d. Red.: Ausbildungsstelle) als Automechaniker. Und dann Abendschule.

Wie kann man dich in deiner jetzigen Situation unterstützen?
Ich möchte hier bleiben. Ich wünsche mir einen Pass und will Deutscher sein. Die Unsicherheit, ob ich bleiben kann oder nicht, macht mir Angst. Ich will hier bleiben.

Freiheit bedeutet für mich…
frei zu leben, etwas machen zu können, einen Beruf zu lernen, spazieren gehen zu können, ohne Angst haben zu müssen, eine Familie gründen zu können. Freiheit ist für mich etwas sehr wichtiges. Ich fühle mich hier in Deutschland frei, aber ich habe nur eine Angst: dass ich nicht legal hier bleiben darf. Ich habe keinen normalen Pass. Ich habe Angst davor, abgeschoben zu werden, wieder gehen zu müssen.

Theater spielen bedeutet für mich…
Leuten helfen, miteinander arbeiten, lustige Sachen machen. Menschen glücklich sehen, über die Liebe und das Leben  reden und spielen, über das Mensch sein, und über Tiere auch.

In zehn Jahren…
kann ich, wenn ich hierbleiben darf, Arzt werden, ich kann mein Leben weiterleben, ich kann Vater sein, ich kann Menschen helfen und so viele Sachen machen. Das wünsche ich mir. Wenn ich hierbleiben darf.

Wenn ich Nachrichten schaue, dann…
werde ich traurig, wenn ich Kriegsbilder sehe, weil ich auch wegen einem Krieg hier her gekommen bin. Und wenn ich dann Bilder wie aus Paris oder Brüssel sehe, wie Menschen sterben, dann ist das für mich sehr schlimm. Die Terroristen und Taliban und andere, die so etwas machen, sind, finde ich, keine Menschen. In meiner Heimat gab es viel Gewalt. Da gibt es die Taliban und die schneiden Menschen mit Messern die Köpfe ab. Das habe ich gesehen. Als ich vierzehn, fünfzehn Jahre alt war, haben die Taliban mir ins Bein geschossen und mich zwei Wochen lang festgehalten bevor ich  alleine fliehen konnte. Die Kugel steckt immer noch in meinem Bein.

Wenn ich freie Zeit habe, dann…
versuche ich anderen zu helfen, will ich ein Praktikum machen, gehe ich spazieren, ins Fitnessstudio oder spiele ich Kricket mit Freunden  in einer Halle an der Hohen Marter oder im Stadtpark. Hier gibt es eine viel bessere Ausrüstung dafür als in Pakistan.

Das Leben in der Wohngruppe BAHIA ist für mich….
cool. Die Leute sind nett und freundlich, und die Betreuer sind auch gut, sie helfen mir. Ich wohne in einem Zimmer mit einem anderen Bewohner aus Äthiopien. Meistens Klappt es sehr gut.

Hast Du noch Kontakt zu Deiner Familie in Pakistan?
Nein, ich habe seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr mit ihnen. In meinem Dorf gibt es kein Telefon, kein Fernsehen, kein Internet. Ich weiß nicht, ob meine Mutter und meine drei kleinen Geschwister noch leben, oder ob sie tot sind.

Amjadali 1Danke für das Gespräch und alles Gute, Amjadali!

 

 

 

 

 

 

 

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